Montessori kennt jeder – aber hast du schon von Reggio gehört?
Ich gebe es zu: Bis vor Kurzem war Montessori für mich die Pädagogik, wenn es ums Thema frühkindliche Bildung ging. Maria Montessori, das besondere Material, das Kind, das in seinem eigenen Tempo lernt – das kannte ich. Aber dann bin ich zufällig über einen Begriff gestolpert, der mich neugierig gemacht hat: Reggio-Pädagogik. Und ich frage mich seitdem, warum darüber so viel weniger geredet wird.
Wo kommt die Reggio-Pädagogik her?
Die Geschichte hinter diesem Ansatz ist eigentlich ziemlich bewegend. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Stadt in Norditalien, die von Krieg und Armut gezeichnet war, begannen Eltern – primär Mütter – damit, aus eigenen Mitteln eine Schule für ihre Kinder aufzubauen. Buchstäblich: mit Steinen aus den Trümmern, verkauften Panzern und Lastwagen.
Der Pädagoge Loris Malaguzzi hörte davon und radelte hin. Was er sah, ließ ihn nicht mehr los. Er wurde zum Kopf einer Bewegung, die die kommunalen Kindertagesstätten in Reggio Emilia – einer Stadt in der Emilia-Romagna – in den folgenden Jahrzehnten zu den bekanntesten Bildungseinrichtungen der Welt machte. Seit den 1970er Jahren reisen Pädagoginnen und Pädagogen aus aller Welt dorthin, um sich inspirieren zu lassen.
Der Grundgedanke damals wie heute: Kinder sind keine leeren Gefäße, die befüllt werden müssen. Sie sind neugierige, kompetente kleine Forscher – und es ist unsere Aufgabe als Erwachsene, sie dabei zu begleiten, nicht zu lenken.
Die hundert Sprachen des Kindes
Eines der schönsten Bilder der Reggio-Pädagogik ist das der „hundert Sprachen des Kindes“. Malaguzzi drückte damit aus, dass Kinder sich auf unzählige Weisen ausdrücken und die Welt begreifen: durch Sprache, aber auch durch Zeichnen, Bauen, Tanzen, Singen, Theaterspielen, Matschen, Konstruieren.
All diese Ausdrucksformen werden in der Reggio-Pädagogik gleichwertig gefördert und ernst genommen. Es geht nicht darum, dass ein Kind schon mit vier Jahren Buchstaben schreiben kann – sondern darum, dass es lernt, die Welt auf seine eigene Art zu erforschen und auszudrücken.
Was passiert in einer Reggio-Kita konkret?
Das klingt alles schön und gut – aber wie sieht das im Alltag aus? Ein paar Beispiele:
Projektarbeit aus Kinderinteressen: Eine Gruppe Kinder entdeckt auf dem Spielplatz eine Pfütze und fängt an zu fragen, wo das Wasser herkommt. Die Erzieherin greift das auf – und daraus entsteht ein wochenlanges Projekt über Wasser: Experimente, Zeichnungen, Geschichten, ein selbst gebautes Wasserrad. Kein Lehrplan, kein festgelegtes Ziel – nur echte Neugier als Motor.
Die Umgebung als dritter Erzieher: Reggio-Einrichtungen sind bewusst schön gestaltet. Natürliche Materialien, viel Licht, offene Regale mit Dingen zum Anfassen und Erforschen. Der Raum soll einladen, inspirieren und zum Denken anregen – nicht nur als Kulisse dienen.
Dokumentation: Was viele überrascht: In Reggio-Kitas wird sehr viel fotografiert, geschrieben und gezeichnet – aber nicht für ein Portfolio, das am Jahresende übergeben wird. Die Dokumentation ist Teil des Lernprozesses selbst. Sie macht sichtbar, wie Kinder denken, welche Fragen sie haben und wie sie Probleme lösen. Eltern bekommen so einen echten Einblick in den Alltag – nicht nur ein „Heute war es schön“.
Die Rolle der Erzieherin: Sie ist keine stille Beobachterin im Hintergrund. Sie stellt Fragen, forscht mit, zeigt echtes Interesse. Wenn ein Kind fragt: „Warum ist der Himmel blau?“, antwortet sie nicht mit einer fertigen Erklärung – sondern fragt zurück: „Was glaubst du?“ Und dann forschen sie gemeinsam.
Montessori vs. Reggio – wo sind die Unterschiede?
Beide Ansätze sehen das Kind als Mittelpunkt – darin sind sie sich einig. Aber wie sie das umsetzen, unterscheidet sich deutlich.
Material: Bei Montessori gibt es spezifisches, durchdachtes Lernmaterial. Jedes Objekt hat einen bestimmten Zweck und ist so gestaltet, dass das Kind Fehler selbst erkennen kann. Bei Reggio gibt es kein festgelegtes Material – stattdessen alltägliche Dinge, Naturmaterialien, Werkzeuge. Was zählt, ist der Prozess, nicht das Objekt.
Individual vs. Gemeinschaft: Montessori-Kinder arbeiten oft allein, in ihrem eigenen Tempo, mit einem bestimmten Material, das sie sich selbst aussuchen. In Reggio-Einrichtungen steht das gemeinschaftliche Erleben im Vordergrund – Projekte entstehen in der Gruppe, Ideen werden gemeinsam entwickelt.
Die Rolle der Erwachsenen: In Montessori hält sich die Erzieherin bewusst zurück und bereitet die Umgebung vor. In Reggio ist sie aktive Mitforscherin – sie begleitet, hinterfragt, dokumentiert und gestaltet den Lernprozess aktiv mit.
Struktur: Montessori folgt klaren Entwicklungsstufen und gibt eine bestimmte Abfolge vor, in der Materialien eingeführt werden. Reggio ist offener – was als Nächstes passiert, hängt davon ab, wohin die Neugier der Kinder führt.
Fehler: Bei Montessori ist das Material selbstkontrollierend – das Kind merkt selbst, wenn etwas nicht stimmt. Bei Reggio sind Fehler explizit Teil des Forschungsprozesses: Sie sind keine Misserfolge, sondern Einladungen zum Weiterdenken.
Kurz gesagt: Montessori gibt mehr Struktur und klare Materialien – ideal für Kinder, die Orientierung benötigen. Reggio ist offener und gemeinschaftlicher – ideal für Kinder, die vom gemeinsamen Entdecken leben.
Und viele Kitas mischen heute Elemente aus beiden Ansätzen – was absolut Sinn ergibt.
Reggio zu Hause – geht das?
Ja! Man muss keine Reggio-Kita finden, um von diesen Ideen zu profitieren. Ein paar kleine Dinge, die ich selbst ausprobiert habe:
Eine Forscherecke einrichten: Eine Schublade oder ein Regal mit Dingen zum Anfassen und Untersuchen – Steine, Muscheln, Magnete, ein altes Vergrößerungsglas, Papier und Stifte. Kein Spielzeug mit Anleitung, sondern Materialien, die zum Fragen einladen.
Fragen statt Antworten: Wenn mein Kind mich etwas fragt, versuche ich öfter zurückzufragen: „Was denkst du?“ oder „Wie könnten wir das herausfinden?“ Das fühlt sich manchmal komisch an – aber die Gespräche, die daraus entstehen, sind erstaunlich.
Dokumentieren: Ich fange an, nicht nur Fotos von süßen Momenten zu machen, sondern auch von dem, was mein Kind gerade baut, zeichnet oder ausprobiert. Manchmal schauen wir sie gemeinsam an und reden darüber. Das Kind sieht: Was ich tue, ist es wert, festgehalten zu werden.
Zeit lassen: Vielleicht das Schwierigste. Wenn mein Kind gerade vertieft dabei ist, Steine zu sortieren oder eine Pfütze zu erforschen – einfach mal nicht unterbrechen. Nicht zur nächsten Aktivität drängen. Dieses „Drin-sein“ ist in der Reggio-Pädagogik heilig.
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Fazit: Zwei Wege, ein Ziel
Montessori und Reggio sind keine Konkurrenten – sie sind zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wie schaffen wir eine Welt, in der Kinder wirklich lernen können?
Was mich an Reggio so berührt, ist die Überzeugung, dass jedes Kind etwas zu sagen hat. Dass seine hundert Sprachen alle gehört werden sollten. Und dass unsere Aufgabe als Eltern und Begleiter nicht darin besteht, Antworten zu liefern – sondern darin, gemeinsam mit unseren Kindern zu staunen.
Kanntest du die Reggio-Pädagogik schon, oder war das auch Neuland für dich? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

